(Prime Quants) – Die Kunst der Rede – oder auch Redekunst, je nachdem, welche Bezeichnung Sie bevorzugen – gilt gemeinhin als Talent, das einer/m idealerweise in die Wiege gelegt oder, denn auch diese Variante ist durchaus zulässig, zu einem späteren Zeitpunkt entdeckt und hernach entsprechend geschult wird. Wie auch immer die rhetorischen Fähigkeiten erworben werden bzw. wurden, spielt bei der Zielsetzung zum Glück keine Rolle, schließlich geht es bei einer Rede grundsätzlich darum, die Zuhörerschaft vom Gesagten zu überzeugen. Wohl somit dem, der einen gut ausgestatteten Rhetorik-Werkzeugkasten im Gepäck hat, und ganz tief in einen solchen greifen musste zum Wochenende unser aller EZB-Präsident, Mario Draghi. Dem ist es in der vergangenen Woche ja nun bekanntlich überhaupt nicht gelungen, die Anleger trotz vieler Worte von seinen hehren Absichten (konkret: die Verlängerung der Anleihekäufe bis 2017) zu überzeugen, also legte der oberste Währungshüter der Union stante pede nach und versuchte nach allen Regeln der (Rede-)Kunst, die Stimmung auf dem Parkett (und damit auch die Kurse) wieder zu heben. Es gebe „kein Limit, wie die verschiedenen Instrumente der EZB“ eingesetzt werden könnten und ebenso „keinen Zweifel“, dass die Notenbank – bei Bedarf – ihre bisherigen Maßnahmen erweitern würde, beteuerte Draghi während einer Rede in New York am vergangenen Freitag. Nun mag es durchaus sein, dass der EZB-Chef seinen eigenen Worten den nötigen Glauben schenkt, den Anlegern fehlt es jedoch bislang an demselben:

Aus der Traum

An den Märkten ging es in dieser Handelswoche nämlich tendenziell nur nach unten. Das kurze Kursfeuerwerk vom Montag – der DAX schob sich mit einem Tageshoch von 10.992,50 Zählern immerhin bis kurz vor die 11.000er-Marke – entpuppte sich ziemlich zügig als Strohfeuer, und in den darauffolgenden beiden Tagen dominierten eindeutig die roten Vorzeichen. Rund 3 Prozent gab beispielweise der DAX nach, damit stand bis zur Wochenmitte ein Dezember-Minus von rund 7 Prozent beim deutschen Leitindex zu Buche. Bis heute sind daraus aktuell schon -8 Prozent geworden, Abverkauf statt Jahresendspurt, das hatten sich viele sicherlich ganz anders vorgestellt. Und das gilt nicht nur für den DAX: Auch an der Wall Street kannten die Kurse überwiegend nur einen Weg, den nach unten nämlich. Allerdings fällt das Minus beim Dow Jones im Vergleich deutlich moderater aus, denn mit -0,8 Prozent hält sich das US-amerikanische Börsenbarometer recht wacker. Schließlich ist es in den USA auch „nur“ der anhaltend schwache Ölpreis (WTI-Rohöl gerade auf einem neuen 5-Jahres-Tief), der an den Nerven der Anleger (und den Kursen) zerrt. Hierzulande belastet neben den Dumpingpreisen für das schwarze Gold vor allem der wiedererstarkte Euro die Märkte: Vor Draghis Statement vom Donnerstag notierte die europäische Gemeinschaftswährung noch mit 1,0523 auf einem neuen Jahrestief, doch noch während der EZB-Präsident sprach, schoss der Kurs deutlich nach oben und markierte in dieser Woche bei 1,1043 den höchsten Stand seit Oktober. Zudem patzten einige Einzelwerte:

Rolltreppe abwärts

Nachdem Linde in der Vorwoche mit einer Gewinnwarnung und einem zweistelligen Verlust schockte, führte in dieser Handelswoche – hinter RWE, aber als VerSORGEer sind die in letzter Zeit ja ohnehin für jeden Kummer gut – Bayer die Verliererliste im DAX an. Grund dafür war der Verdacht, dass es bei der Zulassung des Medikaments Xarelto – zufällig ein Verkaufsschlager im Bayer-Sortiment – möglicherweise zu gewissen Unregelmäßigkeiten kam. Ein Schelm, wer dabei nun sofort an VW denkt, zumal die Aktien der Wolfsburger den Abgasskandal mittlerweile beinahe kompensiert haben: Vom Jahrestief bei 86,36 Euro am 05. Oktober kletterten die Papiere in den vergangenen Wochen um sportliche 52,6 Prozent nach oben und bügelten damit die Delle nach Bekanntwerden der Softwaremanipulationen so gut wie aus. Die größere Hürde steht VW allerdings noch bevor – das offene Gap im Bereich zwischen 170 und 140 Euro dürfte keinesfalls im ersten Anlauf zu nehmen sein. Extreme Nehmerqualitäten waren gestern auch bei einem Nebenwert aus dem TecDAX gefragt: Bei Aixtron brachen die Kurse um satte 43 Prozent in der Spitze ein, nachdem ein chinesischer Kunde einen Großauftrag zurückzog. Dieser bislang größte Verlust in der Unternehmensgeschichte war symptomatisch für den Verlauf dieser Handelswoche, in der kaum etwas gelang. Genau deshalb könnte sich das Blatt nun noch einmal wenden, denn bekanntlich wird die Hausse zumeist in der Skepsis geboren. Auch wenn es im Moment vielleicht nicht unbedingt danach aussieht – in der kommenden Woche kann es durchaus noch einmal kräftig nach oben gehen!

Erfolgreiche Trades wünscht

Ihr
Sebastian Jonkisch

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